Mülheim (ac). Im vergangenen Jahr präsentierte Sascha Widdig einen Bildband über das Mülheim der Vorkriegszeit, jetzt brachte er im Sutton-Verlag eine neue Fotosammlung heraus, die die Geschichte der Drahtfabrik "Felten & Guilleaume" im Carlswerk illustriert.
Zu den alteingesessenen protestantischen Mülheimer
Unternehmern gehörten Johann Theodor Felten und Carl
Guilleaume nicht. Aber als sie in den 20er Jahren des 19.
Jahrhunderts am Kartäuserwall eine Seilfabrik gründeten,
reichte der Platz bald nicht mehr aus, erst recht nicht, als man
zur Produktion von Drahtseilen überging. Ein Neubau musste
her, 1874 wurde das "Carlswerk" in Mülheim bezogen.
In den folgenden Jahren boomte das Geschäft: Seil- und
Schwebebahnen in Dresden, Wiesbaden und Rio de Janeiro wurden
von F&G-Seilen gezogen, das Aufkommen des
"Fernsprechers" sorgte für einen weiteren
Produktionsschub. Im Zweiten Weltkrieg entging das
Fabrikgelände an Carlswerk- und Schanzenstraße "wie
durch ein Wunder" den Bombardierungen des "schwarzen
Samstags" am 28. Oktober 1944. In den 50er Jahren
ernährte das "Carlswerk" mit rund 20.000
Mitarbeitern zeitweise eine Kleinstadt.
1968 übernahm die Firma Arbed die Drahtseilproduktion, einige
Verkäufe später ging das Carlswerk an die dänische
Firma NKT, die einen neuen Produktionsstandort in Flittard bezog.
Seitdem vermarktet die Beos GmbH das Gelände, auf dem sich
jetzt Büros, Showrooms, Gastronomie und
Medienunternehmen befinden.
Diese Zahlen sind nur ein Teil der Firmengeschichte: Die andere
Seite ist das Leben der Menschen, das durch die Schwerindustrie
geprägt wurde: "Die Jobs wurden vom Vater auf den Sohn
vererbt, die Menschen identifizierten sich mit dem
Unternehmen", erinnert sich Widdig, dessen Urgroßvater
selbst noch als Ofenmaurer dort arbeitete. Beim "Jillium"
herrschte einerseits strenges Regiment, andererseits Familiensinn:
Bis zum Zweiten Weltkrieg wurde Arbeitern das Werkzeug vom Lohn
abgezogen, Kontakt mit Arbeiterorganisationen wurde von der
Firmenleitung, so berichtet es das Buch, generell abgelehnt.
Andererseits wurden auch kriegsinvalide Arbeiter mit einfachen Jobs
"durchgezogen" und die Menschen arbeiteten oft 50 Jahre
dort.
Im Bildband, betont Widdig, sollten vor allem die Produktion, aber
auch die einfachen Arbeiter gezeigt werden. Betrachter erhalten
Einblick in die Produktionsräume des Carlswerks,
überwiegend von Werksfotografen abgelichtet. Jubilare, ein
Überblick über die sozialen Einrichtungen des Werks, von
der Lehrwerkstatt bis zur Kantine und Bibliothek, ein Kapitel
über den Einsatz von Zwangsarbeitern im Zweiten Weltkrieg und
die langsame Umgestaltung des Industriegeländes in einen
Büro- und Medienstandort ergänzen die Firmengeschichte.
Immer wieder zeigen historische Fotos die Verwendung der
F&G-Produkte weltweit. Als Bildquellen dienten Widdig die
Firmenarchive, Festschriften, die Reihe
"Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsbiographien", das
Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsarchiv (RWWA) und
Privatfotos von Mülheimer Familien.
Der Bildband aus der Reihe "Arbeitwelten" ist unter der
ISBN 978-3-86680-942-0 im Sutton-Verlag erschienen.


